Hilde Domin – Eine Kölner Kindheit, ein Leben im Exil
von Dr. Anselm Weyer
Die „Geburt eines prächtigen Mädchens“ zeigten die Eheleute Löwenstein am 27. Juli 1909 in Zeitungsinseraten an. Die kölsche Erstgeborene hieß Hildegard Dina Löwenstein – und sie sollte als Hilde Domin zu einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts werden.
Vielleicht gerade weil sich ihre Dichtung so häufig mit Heimatlosigkeit beschäftigt, blieb ihr Geburtsort für sie zeitlebens von zentraler Bedeutung. „Köln spielt für mich eine große Rolle, weil es die Stadt meiner Kindheit ist, weil ich dort eine glückliche Kindheit verlebt habe und auch, weil ich die Stadt verlassen musste“, schreibt Hilde Domin.
„In meinem Elternhaus habe ich das Urvertrauen bekommen, das man als Kind bekommt oder nie. Und außerdem eine durch und durch demokratische Erziehung.“
Kindheit in Köln
Behütet wuchs Hildegard Löwenstein in der Riehler Straße 23 auf. „Wir wohnten im zweiten Stock, und mein Bruder und ich wurden ins Erdgeschoss oder ins Hochparterre getragen, wenn Fliegeralarm war – während des Ersten Weltkriegs“, erinnert sie sich. „Im dritten Stock wohnten Leute, die ihre Söhne zur Strafe zum Fenster hinaushielten, einfach über den Hof: zur Abschreckung.“
Ganz anders war der Ton im Elternhaus der Löwensteins. Nachdem die Tochter zunächst Privatunterricht erhalten hatte, besuchte sie das Merlo-Mevissen-Lyzeum in der Gilbachstraße 20. Von ihrer Mutter erzählt Hilde Domin, sie sei monatelang morgens in die Straßenbahnlinie 16 gestiegen, als die Tochter begann, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. „Sie überwachte die Expedition von der Straßenbahn aus und schätzte die Risiken ein.“
Hilde und ihr jüngerer Bruder Hans Arthur durften viel. „Einmal habe ich als Schülerin in der Lengfeld’schen Buchhandlung ein Buch von James Joyce kaufen wollen“, erzählt Domin von einem Besuch des damals noch in der Zeppelinstraße 9 befindlichen Ladens. „Das muss die Buchhändlerin wohl stutzig gemacht haben. Jedenfalls rief sie bei meinen Eltern an, um zu fragen, ob das in Ordnung sei, weil sie der Ansicht war, diese Lektüre sei doch wohl nichts für ‚Kinder‘.“
Der Vater und die Stadt
Hilde Domins großes Vorbild war ihr Vater, der Rechtsanwalt Dr. Eugen Löwenstein. Lange Zeit war es her, seit der gebürtige Düsseldorfer 1899 zum Gerichts-Assessor ernannt und dem Amtsgericht Mülheim am Rhein „zur unentgeltlichen Beschäftigung“ überwiesen worden war. Sein erstes Büro hatte er am Apostelnkloster 17 eröffnet. Einen Monat vor der Geburt seiner Tochter verlegte er sein Büro an den Kaiser-Wilhelm-Ring 3, Ecke Bismarckstraße.
Wenn er zu Fuß über den Hansaring nach Hause kam, musste immer die Mutter nebenhergehen und ihm die Namen der Passanten zuflüstern. „Aus der Gegenrichtung kamen die Richter am Oberlandesgericht vom Reichensperger Platz, in dessen Nähe wir wohnten, und Vater erkannte sie meist nicht oder zu spät“, schreibt Hilde Domin.
Mit ihrem Vater ging sie nicht nur ins Wallraf-Richartz-Museum, in den Kunstverein oder zum Schwimmen in eine der „kleinen hölzernen weißgetünchten Badeanstalten auf dem Rhein“. Wegen ihres Vaters studierte Domin zunächst Jura. Dabei wäre ihr von offizieller Seite beinahe ihr Zeugnis verweigert worden. Sie hatte nämlich auf der Abiturfeier 1929 des von ihr besuchten Merlo-Mevissen-Lyzeums in der Gilbachstraße 20 in der Robe ihres Vaters eine äußerst kritische Rede auf ihre Schule gehalten.
Vor allem aber begleitete die Tochter ihren Vater ins Gericht. Besonders in Erinnerung blieb ihr ein Prozess, in dem er einen mutmaßlichen Brandstifter verteidigte. „Dieser Prozess erstreckte sich über einen großen Teil meiner Kindheit. Ich schwänzte die Schule, um den Gerichtsverhandlungen beizuwohnen, und bestärkte meinen Vater darin, diesen lange schon zahlungsunfähigen Mandanten durch alle Instanzen zu verteidigen.“
„Ich sehe den Vater noch, wie er am Abend nach einer Gerichtsverhandlung im Bett lag, halb krank vor Aufregung, weil er Drohbriefe erhielt, und wie meine Mutter dafür war, es aufzugeben – aber er konnte mich einfach nicht enttäuschen, und hätte es unsere gesamte Existenz gekostet.“
„Dieser Mann, der dann nach fünf Jahren des Hin und Her auf ein Gnadengesuch meines Vaters von Hindenburg begnadigt wurde, war einer der ersten, die nach 1933 aufhörten, meinen Vater, einen jüdischen Rechtsanwalt, auf der Straße zu grüßen.“
Abschied von Köln
Zu diesem Zeitpunkt hatte Hilde Domin Köln bereits zugunsten eines Auslandsstudiums in Rom verlassen, das sich bald als Exil herausstellte. Ihre Eltern blieben zunächst. „Sie zogen in eine kleinere, modernere Wohnung nach Braunsfeld, von der ich nur den Rohbau sah und zu der ich auf einer Leiter hinaufstieg, bevor ich Deutschland verließ“, beschreibt sie ihren einzigen Besuch im zweiten Stock des Maarwegs 17.
„Ich bekam ein Zimmer dort, natürlich. Meine Mutter schickte mir die Stoffmuster für meine Couch und die Vorhänge, und auch die Tapete. In das Zimmer, das ich nie gesehen habe, stellte sie immer frische Blumen, schrieb sie.“
Dann aber wurden die Repressionen so drückend, dass auch die Eltern aus Deutschland flohen. „An ihrem Silbernen Hochzeitstag machten meine Eltern einen Ausflug an die belgische Grenze, mit der Straßenbahn. Dann ein kleiner Spaziergang, und sie waren draußen.“
Dies geschah kurz nachdem jüdische Rechtsanwälte in schimpflicher Weise auf Lastwagen durch Köln gefahren worden waren, wovor ihr Vater bewahrt geblieben war, da man ihn gewarnt hatte. Die Flucht war gesetzeswidrig. Deshalb war im März 1934 in sämtlichen Zeitungen des Rheinlands zu lesen:
„Gegen den Rechtsanwalt Justizrat Dr. Eugen Löwenstein, geboren am 6. Juni 1871 in Düsseldorf, und seine Ehefrau Paula geb. Trier, zuletzt wohnhaft in Köln-Braunsfeld, Maarweg 17, zur Zeit in Brüssel, 14 Rue de Suisse, ist vom Finanzamt Köln-Nord ein Steuersteckbrief erlassen worden. Die Steuerpflichtigen schulden dem Reich eine Reichsfluchtsteuer von 28 621,50 RM, die am 1. Januar 1934 fällig gewesen ist, nebst einem Zuschlag von 5 Prozent für jeden auf den Zeitpunkt der Fälligkeit angefangenen Monat. Es ergeht die Aufforderung, die obengenannten Steuerpflichtigen, falls sie im Inland getroffen werden, vorläufig festzunehmen.“
Exil in der Dominikanischen Republik – Köln im Gepäck
Wer weiß, was aus Hilde Löwenstein geworden wäre, hätte sie friedlich in Braunsfeld wohnen dürfen. So aber floh sie, mittlerweile verheiratet mit dem Gelehrten Erwin Walter Palm, bis in die Dominikanische Republik, eines der wenigen Länder, das jüdische Flüchtlinge aufnahm. Für Hilde Domin war es ein Ort des Überlebens, aber kein Ort des Ankommens.
In Santo Domingo lebte sie über zehn Jahre. Sie unterrichtete, übersetzte, hielt Vorträge und bewegte sich in einem Kreis europäischer Intellektueller im Exil. Gedichte schrieb sie zunächst nicht. Köln war weit weg und zugleich ständig präsent, als verlorener Ausgangspunkt und als Maßstab für das, was fehlte: die Kindheit, die Sprache, die Selbstverständlichkeit von Zugehörigkeit.
Hier erreichte sie nacheinander die Todesnachricht ihrer im Exil verstorbenen Eltern. Verarbeiten konnte Hilde Palm diesen Verlust nur, indem sie, „mit dem Wasser der Sintflut gewaschen“, begann, Gedichte zu schreiben. Ihr Pseudonym Hilde Domin wählte sie in Anlehnung an die Dominikanische Republik – jenes Land, das ihr Zuflucht bot und in dem ihr dichterisches Leben begann. Sie wurde zur Dichterin des Exils.
„Gewöhn dich nicht.
Du darfst dich nicht gewöhnen.
Eine Rose ist eine Rose.
Aber ein Heim
ist kein Heim.“
Rückkehr – und Köln wiedersehen
Als ihr Mann nach dem Krieg eine Professur in Heidelberg erhielt, zog Hilde Domin mit ihm zurück in das Land, in dem sie eigentlich den Tod hätte finden sollen. Verbittert war sie nicht. „Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen“, dichtete sie.
Sie kam auch wieder nach Köln. Mehr als überrascht stellte sie fest, dass gerade ihr Elternhaus von den Bomben verschont geblieben war. So klingelte sie „an der Haustür mit den fremden Namen, auf dem gleichen Klingelknopf, drückte die alte verschnörkelte Klinke und stieg die gleiche Marmortreppe zum zweiten Stock hinauf, an den bekannten Briefkästen vorbei: als ich 1954 zum ersten Mal nach zweiundzwanzig Jahren wieder nach Köln kam.“
Und nicht nur das. „Am Haus meiner Kindheit blühte / im Februar / der Mandelbaum“, freut sich Domin in einem Gedicht. Später jedoch besuchte sie einmal Heinrich Böll, der damals gleich um die Ecke wohnte. Als sie sich gerade wunderte, dass dieser Auto fahren konnte, „da waren wir schon um die Ecke, und ich vermisste den Mandelbaum am Eingang. ‚Ja, da steht jetzt die Mülltonne‘, sagte er sofort, denn er hatte den Mandelbaum gekannt.“
Hilde Domin lebte bis ins hohe Alter in Heidelberg. Sie starb am 22. Februar 2006, an ihrem 97. Geburtstag.