Comedian Harmonists – Der Klang, der in Köln Geschichte schrieb

von Dr. Anselm Weyer

Die Anfänge des Ensembles

Als Geburtsstunde der Comedian Harmonists gilt gemeinhin eine Anzeige vom Ende Dezember 1927, die zweifellos den Grundstock des Ensembles zusammenbrachte. Als Comedian Harmonists hatte die Gruppe bereits ab dem 1. September 1928 durchaus erfolgreiche Auftritte und sogar Plattenaufnahmen vorzuweisen, doch irgendwie fehlte noch der besondere Funken. Schließlich ist es gar nicht so einfach, viele individuelle Stimmen zu einem homogenen Klang zu vereinen, der darüber hinaus noch das gewisse Etwas besitzt, und zudem muss es auch menschlich stimmen.

Wiederholt warfen Ari Leschnikoff, Harry Frommermann, Roman Cycowski, Erwin Bootz und Robert Biberti ihren zweiten Tenor hinaus, weil es einfach nicht passte. Erst im März 1929 holten sie Erich A. Collin in ihre Formation. Die ständige Fluktuation war lästig und bedeutete viel Arbeit, denn die ausgeklügelten Vokalarrangements verziehen keine Fehler. Schon bald wurde jedoch klar, dass nun endlich alles passte und die Comedian Harmonists komplett waren.

Köln als Ort der Vollendung

Roman Cycowski erinnerte sich später daran, dass die Zwangspause im Frühjahr 1929 nur kurz gewesen sei und dass am 16. Mai ein Engagement am Kölner Varieté „Groß-Köln“ begann. In der Friesenstraße 44/46 gastierte die Gruppe für zwei Wochen mit einem 25-Minuten-Programm, erstmals in ihrer endgültigen Besetzung. Damit erblickten die wahren Comedian Harmonists auf der Bühne von Köln das Licht der Welt.

Die Kritiken waren voll des Lobes. Die Comedian Harmonists galten als Musiksensation und erhielten laut Presse wahre Stürme des Beifalls. Sie wurden als Clou des Abends beschrieben und sowohl von Kennern als auch von Laien gleichermaßen bewundert. In den Männergesang brachten sie mit ausdrucksstarkem Humor, mimischen Spielereien und feinster Stimmkultur eine bewusst individuelle Note ein. Dabei wirkten sie ganz modern und eigenartig und bewahrten zugleich in komischer Ehrfurcht alte Traditionen, was von der Presse als seltene Leistung hervorgehoben wurde.

Eine Kölner Begegnung mit Folgen

Das Kölner Gastspiel hatte auch private Folgen für Bariton Joseph Roman Cycowski. Er berichtete später, dass er dort seine Frau kennengelernt habe. Es handelte sich um Maria Magdalena Panzram, die geborene Tochter eines Maschinenmeisters. Die beiden heirateten 1933 nach jüdischem Ritus, wobei Maria hierfür zum Judentum übertrat. Die standesamtliche Trauung musste bis 1937 warten und konnte erst im Londoner Exil stattfinden, wo sie sich schließlich das Ja-Wort gaben. Das Paar musste später bis in die USA fliehen und blieb bis an sein Lebensende zusammen.

Der steile Aufstieg

Doch an all das dachte im Jahr 1929 noch niemand. Wer hätte es auch ahnen können, denn der Erfolg verlief steil nach oben. Ein Sensationserfolg folgte dem nächsten, darunter Lieder wie „Ein Freund, ein guter Freund“, „Wochenend und Sonnenschein“ und „Veronika, der Lenz ist da!“. Überall waren die Häuser ausverkauft, das Publikum trampelte und schrie vor Begeisterung, und trotz der Wirtschaftskrise stiegen die Gagen kontinuierlich. Das Ensemble trat in Filmen auf und feierte auch im Ausland immense Erfolge.

Weitere Auftritte in Köln

Auch nach Köln kehrten die Comedian Harmonists zurück. Am 20. April und am 4. Mai 1932 gastierten sie im großen Saal der Bürgergesellschaft am Appellhofplatz. Die Kölnische Zeitung lobte anschließend, dass man froh werde, wenn man solche Musik höre. Am 11. Januar 1933 sorgten sie dort im Lesesaal noch einmal für zwei Stunden Kurzweil, wie die Presse berichtete.

Verfolgung und Absturz nach 1933

Dann jedoch kamen die Nationalsozialisten an die Macht, und der unaufhaltsame Aufstieg der Comedian Harmonists erlebte einen rapiden Sturzflug. Plötzlich galten die umjubelten Sänger als nicht mehr männlich genug, der englische Name wurde moniert, und generell wurde der Stil der Gruppe als undeutsch kritisiert. Dahinter steckte mehr, denn dass nicht alle Mitglieder aus Deutschland stammten, stieß den neuen Machthabern übel auf. Vor allem aber, dass drei der sechs Comedian Harmonists Juden waren, ließ bei vielen Nationalsozialisten die Zornesader platzen.

Zunächst hoffte das Ensemble noch, dass seine enorme Popularität schützen könnte, doch plötzlich wurden Konzerte abgesagt, teils offen und offiziell, teils hinterrücks. Schließlich verkündete die neu gegründete Reichsmusikkammer, dass nur ihre Mitglieder weiterhin als Musiker Geld verdienen durften. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft war ab dem 5. März 1934 der Ariernachweis.

Das letzte Kölner Konzert der Originalgruppe

Zunächst erhielten die Comedian Harmonists noch eine Ausnahmegenehmigung, mit der sie am 18. Februar 1934 noch einmal im ausverkauften Großen Saal der Bürgergesellschaft in Köln auftreten konnten. Dieses Programm unterschied sich jedoch grundlegend von den vorherigen, denn plötzlich dominierten deutsche Volkslieder. Wo das „Comedian“ geblieben war, wusste niemand so recht, doch diese Anbiederung verfing nicht. Bereits am 1. Mai 1934 war auch damit Schluss.

Trennung und Nachfolgeensembles

Die Comedian Harmonists behalfen sich zunächst, indem sie auf Tournee ins Ausland gingen, doch dieses Leben ließ sich nicht endlos fortführen oder wurde von den Mitgliedern nicht mehr gewollt. Im Frühjahr 1935 standen sie letztmals gemeinsam auf der Bühne. Damit war die wohl erfolgreichste Boyband der dreißiger Jahre Geschichte. Ihre letzten Platten trugen symbolträchtige Titel wie „Lebe wohl, gute Reise“ und „Morgen muß ich fort von hier“.

Aus den Comedian Harmonists heraus bildeten sich jedoch zwei Nachfolgeensembles. Die drei jüdischen Sänger gründeten im Exil mit drei neuen Mitgliedern die Comedy Harmonists, die äußerst erfolgreiche Tourneen bis nach Nordamerika und Australien unternahmen. In Deutschland formierte sich ebenfalls eine neue Gruppe, die oft auch in Köln auftrat, da die Reichsmusikkammer ausdrücklich vorgeschlagen hatte, dass es den nicht verbotenen Mitgliedern unbenommen bleibe, mit anderen arischen Musikern unter einem deutschen Namen weiterzuarbeiten. Fortan nannten sie sich „Meistersextett, früher Comedian Harmonists“. Die Kölner Presse erklärte bei einem Konzert im Januar 1936, dass sich die Umstellung vom Internationalen auf das Nationale auf einige zuckersüß gesungene Volkslieder erstrecke.

Beide Ensembles lösten sich im Jahr 1941 auf. Damit waren die Comedian Harmonists auch in neuen Konstellationen und unter anderen Namen Geschichte. Zwar überlebten alle Mitglieder den Zweiten Weltkrieg, doch kam es weder zu einem Wiedersehen aller Beteiligten noch zu gemeinsamen Auftritten oder Plattenaufnahmen.

Das Nachleben der Comedian Harmonists in Köln

Wie jedoch der Anfang der Comedian Harmonists mit Köln verbunden war, so war es auch ihr Nachleben. Dies zeigte sich nicht nur darin, dass einzelne Mitglieder später in der Domstadt auftraten. Der Pianist Erwin Bootz spielte 1981 beim Festival „Theater der Welt“ ein anderthalbstündiges Soloprogramm, und Bass Robert Biberti kam im Januar 1984 zu einem Kölner Konzert der King’s Singers.

Spuren in der Kölner Kulturgeschichte

Besonders große Spuren hinterließen in Köln jedoch zwei Männer, die nicht zur Urbesetzung der Comedian Harmonists gehörten. Herbert Imlau wurde im August 1936 Bariton des Meistersextetts und trat nach dem Krieg mit mehreren Gruppen auf, die sich deutlich am Stil der Comedian Harmonists orientierten. Seinen Lebensmittelpunkt hatte er seit dem Frühjahr 1958 in Refrath bei Köln, später im Alten Traßweg 6 in Bergisch Gladbach.

Noch weitreichenderen Einfluss auf das Kulturleben der Domstadt hatte Fred Kassen. Er hatte bereits 1932 als Jazz-Pianist in der Tanzstätte „Charlott-Cherie“ in der Brückenstraße gastiert und war im Juli 1935 als Tenor-Buffo im Meistersextett engagiert worden, wo er zeitweise auch hinter den Kulissen eine tragende Rolle spielte, bis er das Ensemble 1939 im Streit verließ. Nach dem Krieg wurde der gebürtige Bochumer zunächst Komponist und Pianist der Münchner Lach- und Schießgesellschaft um Dieter Hildebrandt. Im März 1959 zog er nach Köln und gründete in der Pipinstraße das Kabarett „Senftöpfchen“. Dort gaben sich in den folgenden Jahrzehnten die Größen der Kabarettszene die Klinke in die Hand. Das Senftöpfchen bestand auch weiter, nachdem Fred Kassen am 7. April 1972 in Köln starb und auf Melaten beerdigt wurde.

 
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Hilde Domin – Eine Kölner Kindheit, ein Leben im Exil